Beschädigtes Gedenken

Hier in der Liegnitzer Straße, wo Enver Şimşek zum ersten Mordopfer des NSU wurde, wurde die Gedenktafel, die an seine rassistische Ermordung erinnern soll, bereits dreimal entwendet. Einmal wurde sie im Wald wiedergefunden und konnte neu angebracht werden, zweimal blieb sie verschwunden. Die Gedenktafel, die jetzt zu sehen ist, haben wir erst diese Woche ersetzt. An der Ecke Siemensstraße/Gyulaer Straße, wo Abdurrahim Özüdoğru am 13. Juni 2001 in seiner Änderungsschneiderei ermordet wurde, erinnert nach wie vor nur die von uns angebrachte Tafel an den Mord. Von der Inschrift „von Nazis ermordet“ war das Wort „Nazis“ vollständig weggekratzt worden. Der oder die Täter kratzten damit gegen die Wahrheit an, so wie die Ermittlungsbehörden während der Morde und Anschläge über Jahre rechten Terror als Tatmotiv ausgeschlossen hatten. In der Scharrerstraße, wo am 9. Juni 2005 Ismail Yaşar dem NSU zum Opfer fiel, wurde der Spruch „Kein Vergeben“ geschwärzt.
Dies sind jedoch keine Einzelfälle, die wir nur aufgrund unseres besonderen Bezugs zu den Tafeln bemerkt haben. Auch das städtische Mahnmal für die NSU-Opfer vor den Toren der Nürnberger Altstadt war bereits mehrmals Ziel von Attacken. Es wurde mit Naziaufklebern verunstaltet und anderes Mal ließen sich drei Neonazis dabei ablichten, wie sie an die Gedenkstele urinierten. Über dem in einem sozialen Netzwerk veröffentlichten Foto stand: „Wir pissen drauf!“. Der Gedenkstein für das NSU-Mordopfer Halit Yozgat in Kassel wurde ebenfalls wiederholt geschändet. Das letzte Mal schütteten die unbekannten Täter kurz nach der jährlichen Gedenkveranstaltung eine dunkle Flüssigkeit über die Tafel mit den Namen der Opfer des NSU und die für Halit abgelegten Blumen. Anfang 2015 wollten rund 30 Nazi-Hooligans eine Gedenkveranstaltung für den Bombenanschlag in der Probsteigasse in Köln attackieren. Schon am 25. Februar 2012 hatten bis zu dreißig vermummte und zum Teil bewaffnete Neonazis versucht das Gedenken an Mehmet Turgut in Rostock-Toitenwinkel anzugreifen. Erst auf halbem Weg brachen sie diesen Versuch ab, ein Zivilpolizist wurde bei der Verfolgung der neonazistischen Angreifer mit einer Eisenstange verletzt. Zwei Jahre später kam es in Rostock erneut zu Störversuchen. Jugendliche aus einem nahen Jugendzentrum störten das Gedenken mit Musik. Auf dem Hof des Jugendzentrums musste die Polizei eine Gruppe Neonazis von weiteren Störungen abgehalten. Dieses Jahr wurde das Denkmal für Mehmet Turgut in der Nacht auf den Mordtag mit schwarzer Farbe geschändet. Neonazi-Aufkleber unterstrichen die Urheberschaft des Anschlags. In Zwickau, wo der NSU über Jahre ungestört zu Hause war, wurde 2016 ein aus 11 Bänken bestehendes Denkmal keine 24 Stunden nach der Installation beschädigt und beschmiert. Wenige Tage später wurden dann zwei Bänke entwendet. Jede Bank trägt den Namen eines NSU-Mordopfers. Die elfte Bank ist den anderen Betroffenen des NSU-Terrors gewidmet.
All dies scheint deutlich zu machen, dass Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter sogar als Tote noch stören. Dass Nazis es auf ihr Gedenken abgesehen haben, kann nicht überraschen. Doch in Hamburg ist es die Stadt, die das Denkmal verwittern lässt. Nur wenige Jahre nach der Errichtung des Denkmals breitet sich Moos über die Inschriften aus, die Namen der Opfer sind kaum noch zu entziffern. In Rostock wurden die beiden Bänke, aus denen das Denkmal besteht, mit Transportösen versehen. In der Projektbeschreibung heißt es: „Dies ermöglicht bei Bedarf eine Demontage der beiden Objekte.“ Für die ehemalige Präsidentin der Rostocker Bürgerschaft, Karina Jens, von der CDU war das Gedenken an Mehmet Turgut schon immer schwierig: „Er war kein Rostocker und ist illegal hier gewesen.“ In Nürnberg und Dortmund war auf den städtischen Denkmälern ursprünglich ein falsches Todesdatum für İsmail Yaşar eingraviert. In Dortmund war auch das von Enver Şimşek falsch. Seine Tochter ließ über ihre Anwälte ausrichten, dass es bei all den Fehlern, die bei der Aufklärung der NSU-Morde gemacht wurden, schwer fassbar sei, dass selbst noch bei der Errichtung der Mahnmale Fehler gemacht werden. Sie empfand die Verwendung der falschen Todesdaten als respektlos. In der Nürnberger Lokalpresse wurde diese Einschätzung einer Betroffenen übergangen. Es hieß: „Bei der Erstellung der Gedenktafeln für die NSU-Opfer haben sich alle so sehr auf den Inhalt konzentriert, dass seit seiner Einweihung im März niemandem das falsche Todesdatum von Ismail Yasar aufgefallen war.“ In der Scheurlstraße, wo am 23. Juni 1999 in der Gaststätte „Sonnenschein“ ein 18-Jähriger durch die Explosion einer präparierten Taschenlampe verletzt wurde, gibt es bis heute nichts, was dauerhaft an den oft übersehenen ersten Bombenanschlag des NSU erinnert.
All diese Vorkommnisse – die neonazistischen Angriffe wie die kommunale, mediale und gesellschaftliche Ignoranz – zeigen, wie wichtig es ist, an den Jahrestagen an den Tatorten zu gedenken. Gegen das Vergessen.

Redebeitrag auf der Gedenkveranstaltung für Enver Şimşek am 9. September 2017

Gedenken an Enver Şimşek

9.9.2017 |13:00 | Liegnitzer Straße | Parkbucht bei der Sportanlage des DJK SF Langwasser

12:00 | Nelson-Mandela-Platz | Treffpunkt für die gemeinsame Anreise mit dem Fahrrad

Alternativ fährt um 12:33 der Stadtbus 59 von Langwasser Süd zur Oelser Str., von dort sind es nur wenige Meter die Straße zurück zum Tatort

Enver Şimşek wurde am 9.9.2000 an seinem mobilen Blumenstand in der Liegnitzer Straße regelrecht hingerichtet. Schwerstverletzt verstarb er zwei Tage später. Der Inhaber eines Blumengroßhandels war das erste Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds. Insgesamt kostete der Terror des NSU zehn Menschen das Leben, weitere überlebten die Mord- und Bombenanschläge sowie Banküberfälle nur zufällig und zum Teil schwer verletzt.

Die gesellschaftliche Verantwortung für den NSU ergibt sich zum einen aus dem rassistischen Klima der 1990er-Jahre, auf dessen Grundlage militante Neonazi-Netzwerke entstehen konnten. Zum anderen aus der rassistischen Ignoranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die während der Taten den eliminatorischen Rassismus des NSU begleitete. Während das Umfeld der Ermordeten früh das Werk deutscher Nazis erkannte, raunten Ermittlungsbehörden, Politik, Medien und Öffentlichkeit unisono von der „Türken-Mafia“ und den „Döner-Morden“. In Täter-Opfer-Umkehr wurden die Hinterbliebenen polizeilich drangsaliert. Der Witwe von Enver Şimşek wurden beispielsweise Fotos einer blonden Frau vorgelegt, mit der ihr Mann angeblich ebenfalls zwei Kinder gehabt hätte, die vierzehn Jahre alte Tochter wurde erst verhört, bevor sie zu ihrem sterbenden Vater gelassen wurde, die Telefone der Familie wurden überwacht, das Auto verwanzt.

Die staatliche Verstrickung gipfelt im Agieren der deutschen Inlandsgeheimdienste: Das direkte Umfeld des NSU war mit Informanten durchsetzt,
ein Verfassungsschutzmitarbeiter war beim Mord an Halit Yozgat in Kassel anwesend und nach der Selbstenttarnung im November 2011 wurden gezielt relevante Akten vernichtet, ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte. Das dadurch schon diskreditierte Aufklärungsversprechen des deutschen Staates wird mit dem Ende des NSU-Prozesses in München, der mehr Fragen als Antworten hinterlässt, auch formell gebrochen sein.

Solange die Aufklärung des NSU-Komplexes aussteht und die gesellschaftlichen Bedingungen für rassistischen Terror fortbestehen, bleiben die Orte, an denen der NSU mordete und bombte, offene Wunden. Wir rufen deshalb dazu auf, Enver Şimşek an der Parkbucht in der Liegnitzer Straße zu gedenken, wo ihm das Leben genommen wurde.

Am selben Tag findet in der Meistersingerhalle eine prominent besetzte Wahlkampfveranstaltung der AfD statt. Obwohl wir finden, dass der AfD überhaupt kein Raum überlassen werden sollte, stellt es zweifellos einen ganz besonderen Skandal dar, dass die Stadt der NSU-Morde am Jahrestag des Beginns der Mordserie städtische Räumlichkeiten für rassistische Hetze zur Verfügung stellt.

Das Antifaschistische Aktionsbündnis Nürnberg mobilisiert für 10:30 Uhr an den Nelson-Mandela-Platz und wird von dort mit einer Demo zur Meistersingerhalle ziehen.

Wir begrüßen die Proteste gegen die AfD-Veranstaltung und werden versuchen, diese vor und nach der Gedenkkundgebung nach Kräften zu unterstützen. Gedenken an die Opfer des NSU und Engagement gegen Rassismus in der Gegenwart lassen sich nicht trennen.

Abends um 19:45 Uhr werden im Projekt 31 Aktivist_innen des Bündnis gegen Naziterror und Rassismus aus München über die Demo und Aktionen am Tag X informieren, dem Tag, an dem im NSU-Prozess die Urteilsverkündung beginnt.

Irgendwo in Deutschland 2017

Als “Irgendwo in Deutschland” Bündnis werden wir dieses Jahr wieder zu drei Anlässen arbeiten.
• August: Bundesweite Aktionen & Veranstaltungen anlässlich des 25. Jahrestages des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen. Aufruf “Rassistische Kontinuitäten” online, bald auch gedruckt & das Programm folgt.
• 2. September, 15 Uhr: Antifaschistische Demonstration in Wurzen am “Tag der Sachsen”: “Das Land – rassistisch, Der Frieden – völkisch, Unser Bruch – unversöhnlich”. Aufruf, #Wurzen0209
• Herbst: NSU Prozessende. Anreise nach München zum Tag-X2. Zudem bundesweite Aktionen für alle, die nicht fahren können. Unseren Aufruf findet ihr hier: “Kein Ende in Sicht: Rassismus und der NSU-Komplex”, Aktionsliste, wenn es soweit ist.

Antifeminismus, halt´s Maul!

Am Montag, dem 10. Juli, findet in Fürth-Burgfarrnbach eine AfD-Veranstaltung mit der rechten Netzwerkerin Beatrix von Storch statt. Storch, die stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD und Landesvorsitzende in Berlin ist, steht neben rassistischen Mausrutschern insbesondere für den Antifeminismus und die Homophobie der AfD. Sie wettert offen gegen die Macht der „Schwulen-Lobby“, Gender-Mainstreaming hält sie für „politische Geschlechtsumwandlung“.
Wir schließen uns den Protesten der Antifaschistischen Linken Fürth und des Fürther Bündnis gegen Rechts an, um deutlich zu machen, dass Nationalismus, Antifeminismus und Homophobie keine Alternativen sind.

Repariert eure Fahrräder und radelt mit!

16:15 Treffpunkt vor der Desi (Brückenstraße 23, Nürnberg)
17:00 Kurze Kundgebung an der Gedenktafel für
Benario & Goldmann (U-Bahn Stadthalle, Fürth, Uferpromenade)
anschließend Fahrraddemo nach Burgfarrnbach.
ab 18:00 Proteste gegen die AfD (Siegelsdorferstraße 19,
Fürth-Burgfarrnbach)

Gedenken an İsmail Yaşar und Abdurrahim Özüdoğru

Am 9. Juni 2005 wurde İsmail Yaşar im von ihm betriebenen „Scharrer Imbiss“ vom Nationalsozialistischen Untergrund brutal hingerichtet. Nur wenige Tage später wollte er Deutschland nach 27 Jahren Arbeit verlassen. Der rassistische Terror des NSU verhinderte dies.
Bereits am 13. Juni 2001 war Abdurrahim Özüdoğru in seiner Änderungsschneiderei den rassistischen Mördern zum Opfer gefallen. Er lebte schon fast 30 Jahre in Deutschland und arbeitete hauptberuflich als Metallfacharbeiter.

Wir rufen dazu auf, den beiden Ermordeten an den Tatorten zu gedenken.

Niemand wird vergessen! Hiç unutmadık!

9.6. | 9:45 Uhr | Scharrerstraße

13.6. | 16:15 Uhr | Ecke Siemens-/Gyulaer Straße

Rassismus tötet! Rasizm öldürüyor!

NSU-Komplex auflösen! NSU Kompleksi Çözülsün!



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