Die Ignoranz der NZ und der NN ist Rassismus

Vom 17. bis zum 21. Mai fand in Köln das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ statt. Das Tribunal begriff sich selbst als Ort der gesellschaftlichen Anklage von Rassismus. Im Mittelpunkt stand das Wissen der Betroffenen des NSU-Terrors. Im Deutschlandfunk war zu hören, dass im Schauspiel Köln „in einer immensen zivilgesellschaftlichen Anstrengung eine Lücke zwischen Realität und der Kapazität eines Gerichts“ geschlossen, eine „demokratische Gegenöffentlichkeit geschaffen“ wurde. Selbst die Bild-Zeitung und das Regensburger Regionalblatt Mittelbayerische Zeitung schafften es eine dpa-Meldung wiederzugeben, in der mit dem Aufhänger, dass das Tribunal die Mitverantwortung von Bundeskanzlerin Merkel benannt hatte, auf die Veranstaltung hingewiesen wurde. Ihr jedoch habt geschwiegen.

Ihr habt geschwiegen, obwohl drei der Morde und ein Bombenanschlag in Nürnberg verübt wurden. Ihr habt geschwiegen, obwohl die Ermittler, die in Täter-Opfer-Umkehr die Hinterbliebenen schikanierten und ihr Wissen um den rassistischen Tathintergrund ignorierten, nicht zuletzt der Kriminaldirektion Nürnberg und dem Polizeipräsidium Mittelfranken angehörten. Ihr habt geschwiegen, obwohl das Unwort „Döner-Morde“ am 31. August 2005 von der Nürnberger Zeitung erfunden wurde.

Das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ hat bewusst kein Urteil gefällt, sondern der Gesellschaft eine Anklage übergeben. Diese Anklage schreiben wir als antifaschistische initiative [das schweigen durchbrechen] und Teil des bundesweiten Aktionsbündnis „NSU-Komplex auflösen“ fort. Die mediale Dethematisierung rassistischer Tatmotive und die Diffamierung der Betroffenen ist ein eigenes Kapitel dieser Anklage. Dort steht ihr richtig. Denn ihr habt nicht nur während der NSU mordete und bombte die Täter-Opfer-Umkehr und die öffentliche Stigmatisierung und Marginalisierung der Betroffenen besonders aktiv mitbetrieben, sondern tut es noch immer. Das Wissen der Betroffenen des NSU-Terrors wird von euch ignoriert. Schon 2013, als sich herausstellte, dass auf den Gedenktafeln in Dortmund und Nürnberg falsche Todesdaten eingraviert worden waren, habt ihr die Einschätzung der Tochter des ersten Mordopfers, Semiya Şimşek, es handle sich um eine Respektlosigkeit, nicht beachtet und den Fehler damit schön geredet, dass „sich alle so sehr auf den Inhalt konzentriert“ hätten. Durchweg scheitert ihr an der orthografisch richtigen Wiedergabe der Namen der in Nürnberg vom NSU ermordeten Menschen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru und İsmail Yaşar. Ihr scheitert damit an genau der Realität einer Migrationsgesellschaft, die vom NSU angegriffen wurde. Während der NSU mordete und bombte hat eure Ignoranz den NSU-Komplex zum Wirken gebracht – jetzt steht sie einer vollständigen Aufklärung und Auflösung entgegen.

Auch wir mussten uns mit Blick auf die tausenden Menschen, die 2006 unter dem Motto „Kein 10. Opfer!“ in Kassel und Dortmund für eine Ende der Mordserie demonstrierten, fragen, warum wir nicht gesehen haben, was die Betroffenen des rassistischen Terrors gesehen haben, warum wir sie nicht gehört haben. Das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ hat sich gemeinsam mit ihnen auf den Weg in Richtung einer Gesellschaft ohne Rassismus gemacht. Ihr habt diesen Anfang verschwiegen. Euer Schweigen ist Rassismus. Wir klagen ihn an!

antifaschistische initiative [das schweigen durchbrechen] am 25.05.2017


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