Gedenken an Enver Şimşek

9.9.2017 |13:00 | Liegnitzer Straße | Parkbucht bei der Sportanlage des DJK SF Langwasser

12:00 | Nelson-Mandela-Platz | Treffpunkt für die gemeinsame Anreise mit dem Fahrrad

Alternativ fährt um 12:33 der Stadtbus 59 von Langwasser Süd zur Oelser Str., von dort sind es nur wenige Meter die Straße zurück zum Tatort

Enver Şimşek wurde am 9.9.2000 an seinem mobilen Blumenstand in der Liegnitzer Straße regelrecht hingerichtet. Schwerstverletzt verstarb er zwei Tage später. Der Inhaber eines Blumengroßhandels war das erste Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds. Insgesamt kostete der Terror des NSU zehn Menschen das Leben, weitere überlebten die Mord- und Bombenanschläge sowie Banküberfälle nur zufällig und zum Teil schwer verletzt.

Die gesellschaftliche Verantwortung für den NSU ergibt sich zum einen aus dem rassistischen Klima der 1990er-Jahre, auf dessen Grundlage militante Neonazi-Netzwerke entstehen konnten. Zum anderen aus der rassistischen Ignoranz der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die während der Taten den eliminatorischen Rassismus des NSU begleitete. Während das Umfeld der Ermordeten früh das Werk deutscher Nazis erkannte, raunten Ermittlungsbehörden, Politik, Medien und Öffentlichkeit unisono von der „Türken-Mafia“ und den „Döner-Morden“. In Täter-Opfer-Umkehr wurden die Hinterbliebenen polizeilich drangsaliert. Der Witwe von Enver Şimşek wurden beispielsweise Fotos einer blonden Frau vorgelegt, mit der ihr Mann angeblich ebenfalls zwei Kinder gehabt hätte, die vierzehn Jahre alte Tochter wurde erst verhört, bevor sie zu ihrem sterbenden Vater gelassen wurde, die Telefone der Familie wurden überwacht, das Auto verwanzt.

Die staatliche Verstrickung gipfelt im Agieren der deutschen Inlandsgeheimdienste: Das direkte Umfeld des NSU war mit Informanten durchsetzt,
ein Verfassungsschutzmitarbeiter war beim Mord an Halit Yozgat in Kassel anwesend und nach der Selbstenttarnung im November 2011 wurden gezielt relevante Akten vernichtet, ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte. Das dadurch schon diskreditierte Aufklärungsversprechen des deutschen Staates wird mit dem Ende des NSU-Prozesses in München, der mehr Fragen als Antworten hinterlässt, auch formell gebrochen sein.

Solange die Aufklärung des NSU-Komplexes aussteht und die gesellschaftlichen Bedingungen für rassistischen Terror fortbestehen, bleiben die Orte, an denen der NSU mordete und bombte, offene Wunden. Wir rufen deshalb dazu auf, Enver Şimşek an der Parkbucht in der Liegnitzer Straße zu gedenken, wo ihm das Leben genommen wurde.

Am selben Tag findet in der Meistersingerhalle eine prominent besetzte Wahlkampfveranstaltung der AfD statt. Obwohl wir finden, dass der AfD überhaupt kein Raum überlassen werden sollte, stellt es zweifellos einen ganz besonderen Skandal dar, dass die Stadt der NSU-Morde am Jahrestag des Beginns der Mordserie städtische Räumlichkeiten für rassistische Hetze zur Verfügung stellt.

Das Antifaschistische Aktionsbündnis Nürnberg mobilisiert für 10:30 Uhr an den Nelson-Mandela-Platz und wird von dort mit einer Demo zur Meistersingerhalle ziehen.

Wir begrüßen die Proteste gegen die AfD-Veranstaltung und werden versuchen, diese vor und nach der Gedenkkundgebung nach Kräften zu unterstützen. Gedenken an die Opfer des NSU und Engagement gegen Rassismus in der Gegenwart lassen sich nicht trennen.

Abends um 19:45 Uhr werden im Projekt 31 Aktivist_innen des Bündnis gegen Naziterror und Rassismus aus München über die Demo und Aktionen am Tag X informieren, dem Tag, an dem im NSU-Prozess die Urteilsverkündung beginnt.


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