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Reihe: Feminismus oder Barbarei II

Zu unserer gleichnamigen Veranstaltungsreihe im vorherigen Jahr schrieben wir, dass wir den Feminismus als Basis gesellschaftlicher Emanzipation betrachten. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Der Titel FEMINISMUS ODER BARBAREI ist Ausdruck unserer Überzeugung, dass eine positive und nachhaltige Veränderung der Verhältnisse nicht ohne feministische Kritik zu haben ist. Gerade angesichts der Offensive explizit antifeministischer Bewegungen, die Frauen*rechte in ihren Fundamenten angreifen und starre Vorgaben hinsichtlich sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität durchsetzen wollen, halten wir die Auseinandersetzung mit feministischen Theorien, Kämpfen und Utopien weiterhin für unumgänglich. Mit der Fortsetzung dieser Reihe wollen wir Räume eröffnen, um einerseits über einige Akteur*innen des Antifeminismus und andererseits über gegenwärtige feministische Theorien, Kämpfe und Utopien zu diskutieren. Wir wollen zur Entwicklung einer politischen Praxis beitragen, die feministische Erkenntnisse kontinuierlich aufgreift und reflektiert.

03.10., 19:30 Uhr: Beziehungsweise Revolution: Das Geschlecht der Revolution – Vortrag von Bini Adamczak im Zentrum Wiesengrund Erlangen auf Einladung der Gruppe Antithese

04.10., 18:30 Uhr: Beziehungsweise Revolution: Postrevolutionäre Depression – Vortrag von Bini Adamczak in der Kantine

Entlang vergangener Revolutionen unternimmt Bini Adamczak in ihrem Buch »Beziehungsweise Revolution« den Versuch, der Geschichte eine Sprache abzuringen. Eine Sprache, die traurige Revolutionärinnen trösten, Geschichte neu enden lassen könnte und ausdrückt, was zu oft unausgesprochen und unartikuliert bleibt: Das Begehren nach einer anderen, einer solidarischen Gesellschaft. Bini Adamczak schreibt über kommunistische Theorie und Praxis und setzt die Ereignisse der revolutionären Bedingungen von 1917 und 1968 in ein Verhältnis der gegenseitigen Betrachtung und Kritik, das die Geschlechterverhältnisse in Vergangenheit und Gegenwart klar in den Blick nimmt. Wir möchten mit der Autorin über das Alte und das Neue sprechen, über vielfältige Missverständnisse, unabgegoltenes Begehren, die gegenwärtigen Verhältnisse und die Bedeutung der Geschlechter- und (Re-)Produktionsverhältnisse. Was braucht revolutionäre Theorie um nicht nur Schmuckkante der verheerenden Gegenwart zu sein? Wie heben wir die scharfen Trennungen zwischen Affektivität und Rationalität, Privatheit und Öffentlichkeit, aktiv und passiv auf? Beziehungsweise: Warum bildet das Geschlechterverhältnis nicht bloß den altbekannten Nebenwiderspruch, sondern liegt im »Herzen der Revolution«?

22.10., 19:00 Uhr: She works hard – Filmvorführung und Diskussion im Filmhaus

D 2017, 55 Min., Deutsch, Regie: Kathrin Lemcke, mit: Paula Bulling, Hanna Bergfors, Kornelia Kugler, Konstanze Schmitt, Bini Adamczak, Markues, Noam Gorbat, Kathrin Lemcke u. a.
Im 21. Jahrhundert findet Arbeit zunehmend individualisiert statt, um neoliberalen Marktanforderungen zu entsprechen. Künstler*innen waren und sind Teil der Avantgarde dieser Entwicklung.
Ausgehend von einem zeitgenössischen Berliner Co-Working Space beginnt die Filmemacherin, utopische Formen von Arbeit zu erkunden. Sie spricht mit Kulturschaffenden über deren individuellen Vorstellungen und beobachtet einen ersten Versuch, eine gemeinsame Utopie zu entwickeln. Indem über eine Gesellschaft nachgedacht wird, in der anders gearbeitet und gelebt wird, werden Auswege aus prekären künstlerischen Arbeitsverhältnissen vorgestellt.

31.10., 19.30 Uhr: Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs: Zur Kritik des Wiederholungszwangs pop-feministischer Erfahrungsliteratur in der Gegenwart – Vortrag von Constanze Stutz in der Desi

Populäre Texte über Feminismus und weibliche Erfahrung in der Gegenwart von Autorinnen wie Laurie Penny und Margarete Stokowski beginnen bei ihrer eigenen Gewordenheit: Wie wurde ich von dieser Gesellschaft zur Frau gemacht und was kann ich gegen die Gewalttätigkeit tun, die diesem Prozess immer auch eingeschrieben ist? Ihre feministische Erfahrungsliteratur ist dabei zugänglich, unterhaltend und kathartisch in der Darstellung des beißenden Unbehagens mit der eigenen weiblichen Subjektwerdung in einer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft und vieles von dem, was sie schreiben ist richtig und notwendig. In letzter Konsequenz bleiben beide jedoch bei einer individualistischen Herstellung von weiblicher Handlungsfähigkeit stehen, deren Befreiungsversuche allein vereinzelte Strategien des weiblichen Empowerments anbieten.
Der Vortrag möchte daher das Verhältnis von Erfahrung als Selbsterfahrung und Erfahrung als Grundlage für individuelle und gesellschaftliche Veränderung in populärer feministischer Literatur vermessen und durch eine Analyse der Funktion von Erfahrung im Schreiben von Laurie Penny und Margarete Stokowski dem widersprüchlichen Verhältnis von Pop und Feminismus in der Gegenwart nachgehen.
Constanze Stutz ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift outside the box-Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik. Sie lebt und schreibt in Leipzig.

12.11., 18:30 Uhr: Geschlechterkonstruktionen der “Neuen Rechten” – Vortrag von Alex Schmidt in der Kantine

In den letzten Jahren konnte man beobachten, wie antifeministische sowie gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gerichtete Kampagnen ein breites Spektrum von Konservativen über christliche Fundamentalisten bis hin zur Extremen Rechten vereinen konnten. Die wütende Verteidigung des „biologischen Geschlechts“ und der angeblich im Kern bedrohten Familie sowie der Kampf gegen „Political Correctness“ und Gender Mainstreaming sind eine Reaktion dieses Spektrums auf die Veränderung der Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten und die Herausforderung des heteronormativen Geschlechterarrangements insbesondere durch die Kämpfe der feministischen und der LGBTI-Bewegung.
Geschlecht und Geschlechterverhältnisse gelten dank dieser Kämpfe zumindest in Teilen der Gesellschaft nicht mehr als natur- oder gottgegebene Tatsachen, sondern als veränderbare gesellschaftliche Verhältnisse. Geschlecht wieder als unverrückbare Naturtatsache zu etablieren und die Errichtung einer starren Geschlechterordnung, in der Verstöße nicht geduldet werden, sind zentrale Anliegen der sogenannten „Neuen Rechten“ in Deutschland. In diesem Vortrag soll gezeigt werden, welche Funktionen und welchen Stellenwert die Kategorie Geschlecht in der „neu-rechten“ Ideologie hat.

16.11., 14 Uhr: Squirt ain’t pee: Über die weibliche Ejakulation – Workshop mit Carmen Westermeier im Arsch und Friedrich (Anmeldung erwünscht: schweigendurchbrechen[at]riseup.net)

I am not an gynecologist, but let’s have a look at it.
Moment, hast du gerade gepinkelt? – das oder ähnliches höre ich beim Sex des öfteren… Nicht nur ich war von meiner ersten Ejakulation überrascht, es ist allgemein etwas, worüber wir nicht viel reden oder aufgeklärt werden. Obwohl gerade in diesem Moment 171738 Videos in der Kategorie Squirting auf pornhub zu finden sind. Von der Fetischisierung, zu Tabuisierung, falschen Informationen, über die Geschichte hin zum aktuellen medizinischen Umgang: In diesem Workshop berichte ich über die Ergebnisse meiner Recherche rund um die weibliche Ejakulation. Zusammen werden wir Texte lesen, Videos analysieren, Erfahrungen austauschen, unsere Anatomie neu kennenlernen uvm. Let’s reclaim our bodies and sexuality!

28.11., 19:30 Uhr: Patriarchat im Wandel: Die Frauen*rechtsbewegung in der Türkei – Vortrag von Ramona Deniz in der Desi

In der Türkei wurden nach der Republiksgründung 1923 bereits erste frauenrechtliche Erfolge, wie das frühe Frauenwahlrecht, erreicht. Diese positiven Entwicklungen stagnierten jedoch und entwickelten sich sogar mehr und mehr zurück. In der aktuellen politischen Situation werden Frauen in der Türkei mit zwei gesellschaftlichen Erwartungshaltungen konfrontiert: Zum einen werden sie nur als Ehefrauen oder Mütter verstanden, deren feministische Anliegen konstant ausgehöhlt werden. Zum anderen fördert die neoliberale Politik der AKP unsichere und unregulierte Arbeitsbedingungen.
Im Vortrag werden die drei Phasen der Frauenbewegung in der Türkei und die wichtigsten Entwicklungen im Kampf gegen patriarchale Strukturen dargestellt: in der ersten Phase der Frauenbewegung in der Türkei wurden zunächst gute Weichen für eine moderne Gesellschaft gelegt, jedoch konnten diese als Produkt einer patriarchalen Gesellschaftsordnung nicht fruchten. Die zweite Phase der Frauenbewegung in den 1970er Jahren war das Werk der Frauen in der Türkei, die sich von unten formierte und kein Produkt türkischer Staatsmänner mehr war. Die jetzige dritte Phase der Frauenbewegung besticht durch die größten zivilgesellschaftlichen Demonstrationen in der Türkei, derer sich erstmals nicht nur Frauen, sondern auch andere Gruppen anschließen, die unter dem autokratischen türkischen Staatssystem leiden. Die Ära Erdoğan lässt eine neue Form des Patriarchats in der Türkei erstarken, welche das Produkt einer Vermischung des soziokulturellen Konservatismus und Neoliberalismus ist. Mitunter als Reaktion auf diese Entwicklungen sind die unterschiedlichen feministischen Strömungen zu verstehen: so erstarken parallel zu antikapitalistischen und kemalistischen Frauenbewegungen auch kurdische und muslimische Frauenkämpfe.

Mitveranstalter: Kurt-Eisner-Verein/Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern
In Kooperation mit: Filmhaus Nürnberg, Desi, Musikverein, Arsch & Friedrich

Bei jeder Veranstaltung der Reihe bieten wir bei Bedarf Kinderbetreuung an.
Anmeldung per Mail an schweigendurchbrechen[at]riseup.net (Anmeldeschluss jeweils ein Tag vor der Veranstaltung)

Demonstration: „Rechte Netzwerke bekämpfen – im Staat und auf der Straße!“

Für eine linke Offensive!
Am 12.10.2019 gehen wir auf die Straße, um gegen Gesetzesverschärfungen und rechten Terror zu demonstrieren.Wir stellen uns mit dieser Demonstration gegen einen immer autoritärer handelnden Staat und das Erstarken der faschistischen Bewegungen.

Auftakt: Nürnberg Plärrer / Gostenhofer Hauptstrasse, 14:00 Uhr

Weitere Infos hier

Gedenken an Enver Şimşek

09.09.2019 | 18:00 | Parkbucht in der Liegnitzer Straße

17:30 | Nelson-Mandela-Platz | Treffpunkt für die gemeinsame Anreise mit dem Fahrrad

Alternativ fährt der Stadtbus 59 von Langwasser Süd zur Oelser Str., von dort sind es nur wenige Meter in Fahrtrichtung die Straße zurück zum Tatort

Hiç unutmadık! Niemand wird vergessen!

Enver Şimşek, Inhaber eines Blumengroßhandels, wurde am 09.09.2000 an seinem mobilen Blumenstand in der Liegnitzer Straße zum ersten Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds.
In den darauffolgenden Jahren wurden die Hinterbliebenen wie auch die Familien der anderen NSU-Opfer in Täter-Opfer-Umkehr polizeilich schickaniert. Während das Umfeld der Ermordeten früh Neonazis hinter den Taten vermutete, sprachen Ermittlungsbehörden, Politik, Medien und Öffentlichkeit unisono von der „Türken-Mafia“ und kriminellen Milieus. Semiya Şimşek schreibt in ihrem Buch „Schmerzliche Heimat“: „Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“. Adile Şimşek, der Witwe von Enver Şimşek, wurden beispielsweise Fotos einer Frau vorgelegt, mit der ihr Mann angeblich ebenfalls zwei Kinder gehabt hätte. Die Telefone der Familie wurden überwacht, das Auto verwanzt.
Die Hoffnung der Angehörigen nach lückenloser Aufklärung wurde im NSU-Prozess in München mit Füßen getreten. Zahlreiche Fragen blieben unbeantwortet, zahllose sind dazugekommen. Die Verbindungen des NSU nach Nürnberg sind bis heute nicht aufgeklärt. Unklar ist auch, ob Susann Eminger in den Bombenanschlag auf die Kneipe Sonnenschein in der Nürnberger Scheurlstraße involviert war. Nach Recherchen von Journalist*innen hatte das Kerntrio gute Kontakte in die regionale Neonaziszene, es war häufig in Nürnberg zu Gast, Neonazi-Kader aus Nürnberg tauchen auf der Telefonliste des NSU auf.
Solange die Aufklärung des NSU-Komplexes aussteht und die gesellschaftlichen Bedingungen für militante Neonazistrukturen und rassistischen Terror fortbestehen, bleiben die Orte, an denen der NSU mordete und bombte, offene Wunden. Wir rufen deshalb dazu auf, Enver Şimşek an der Parkbucht in der Liegnitzer Straße zu gedenken, wo ihm das Leben genommen wurde.

Gedenken, aufklären, anklagen: Kein Schlussstrich im NSU-Komplex


Filmvorführung & Podiumsdiskussion zum 20. Jahrestag des NSU-Anschlags auf das Sonnenschein
23.6. | 18:00 Uhr | Luise the Cultfactory, Scharrerstr. 15

Am 23. Juni 1999 explodierte im Sonnenschein, einer Kneipe in der Nürnberger Scheurlstraße, die erste Bombe des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Mehmet O., der 18-jährige Wirt, wurde schwer verletzt. Im Mittelpunkt der schon nach sechs Monaten ergebnislos eingestellten polizeilichen Ermittlungen standen das Opfer und sein Umfeld. Erst ganze 14 Jahre später enthüllte eine Aussage im NSU-Prozess die Täterschaft des NSU.

Zum 20. Jahrestag des Anschlags auf das Sonnenschein laden wir zu einer Filmvorführung mit anschließender Podiumsdiskussion ein. Gezeigt wird der Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ (D 2015 – 92 Min – Deutsch/Türkisch), der die Geschichte des rassistischen Nagelbombenattentats auf die Kölner Keupstraße erzählt. Im Anschluss diskutieren Mitat Özdemir, ehemaliger Vorsitzender der IG Keupstraße, Patrycja Kowalska, Sprecherin der Kampagne „Kein Schlussstrich“, und der Journalist Jonas Miller (u.a. Teil des investigativen Rechercheteams von BR und NN zum NSU) über Parallelen zwischen den Anschlägen in Köln und Nürnberg, strukturellen Rassismus sowie den Stand der Aufklärung im NSU-Komplex.

Gefördert durch die Rosa-Luxenmburg-Stiftung

Gedenken an İsmail Yaşar und Abdurrahim Özüdoğru

Am 9. Juni 2005 wurde İsmail Yaşar im von ihm betriebenen „Scharrer Imbiss“ vom Nationalsozialistischen Untergrund brutal hingerichtet. Nur wenige Tage später wollte er Deutschland nach 27 Jahren Arbeit verlassen. Der rassistische Terror des NSU verhinderte dies.
Bereits am 13. Juni 2001 war Abdurrahim Özüdoğru in seiner Änderungsschneiderei den rassistischen Mördern zum Opfer gefallen. Er lebte schon fast 30 Jahre in Deutschland und arbeitete hauptberuflich als Metallfacharbeiter.

Wir rufen dazu auf, den beiden Ermordeten an den Tatorten zu gedenken.

Niemand wird vergessen! Hiç unutmadık!

9.6. | 15:00 Uhr | Scharrerstraße

13.6. | 17:30 Uhr | Ecke Siemens-/Gyulaer Straße

Rassismus tötet! Rasizm öldürüyor!