Pilsbar „Sunshine“

Am 23. Juni 1999 explodierte in der Pilsbar „Sunshine“ in der Nürnberger Scheurlstraße eine Rohrbombe.
Der Sprengsatz steckte in einer Taschenlampe, die bei Betätigung explodierte. Ein 18-jähriger Mann mit türkischen Migrationshintergrund, der zum Zeitpunkt der Explosion in der Bar putze, wurde durch Splitter in Oberkörper, Gesicht sowie Armen verletzt und ins Krankenhaus gebracht.

Die Polizei konzentrierte sich bei ihren Ermittlungen insbesondere auf den 18-jährigen Geschädigten und dessen Umfeld.
„Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund“ gebe es laut ermittelnden Behörden nicht, schrieben die Nürnberger Nachrichten zwei Tage nach dem Anschlag.
Die Staatsanwaltschaft stufte den Fall zunächst als „fahrlässige Körperverletzung“ ein und stellte das Verfahren nach sechsmonatigen Ermittlungen im Januar 2000 ein.

Obwohl der im Prozess angeklagte Carsten S. in seinem Geständnis das Attentat mit dem Trio in Verbindung brachte und so die Behörden erst auf den bestehenden Zusammenhang zwischen dem Anschlag und der Mordserie hinwies, wurde der Fall „Pilsbar Sunshine“ im April 2015 aus „verfahrensökonomischen Gründen“ aus dem Gerichtsprozess ausgegliedert. Eine Aufklärung des NSU-Komplexes rückt damit in weite Ferne.

Enver Şimşek

wurde 1961 in der türkischen Provinz Isparta geboren und migrierte 1985 nach Deutschland. Dort machte er sich als Blumenverkäufer selbständig.

Am 9. September 2000 vertrat Enver Şimşek einen Kollegen an einem mobilen Blumenstand in der Liegnitzer Straße in Nürnberg.
Kurz nach 15:00 Uhr wurde er im Laderaum seines Transporters schwer angeschossen aufgefunden. Die Täter feuerten acht Mal auf ihr Opfer. Eine der zwei Tatwaffen war eine Pistole vom Typ Česká.
Während Rettungskräfte Enver Şimşek in das Nürnberger Südklinikum brachten, wurde seine Ehefrau sieben Stunden lang im Polizeipräsidium vernommen und der (Mit)-Täterschaft bezichtigt.
Enver Şimşek verstarb zwei Tage später im Alter von 38 Jahren in Folge der Verletzungen.

Bei den anschließenden polizeilichen Ermittlungen war es wenig relevant, dass zwei Wochen zuvor Neonazis in Nürnberg ein Flugblatt verteilten, auf dem unter der Überschrift: „Unternehmen Flächenbrand“ stand: „1.September 2000, von jetzt an wird zurückgeschossen“.
Stattdessen zogen die Beamten als Mordmotiv die Möglichkeiten einer Beziehungstat, der Blumenhändlerkonkurrenz und der Einbindung in kriminelle Drogenmilieus in Erwägung.
Die Ermittlungen wurden schwerpunktmäßig in Richtung organisierte Kriminalität vorangetrieben. In den folgenden Jahren wurde die Familie wiederholt verdächtigt, mit schuldig zu sein. Die Kriminalpolizei oberservierte Personen, hörte Telefonate ab und verwanzte Autos.
Irgendwann kamen die Beamten dann und erklärten der Witwe, ihr Mann habe eine zweite Familie gehabt, eine deutsche Frau, blond, zwei Kinder. Sie zeigten ihr sogar Fotos von dieser Frau. Man wollte die Witwe erschüttern, ihre Loyalität brechen, hinter der man Täterwissen vermutete.
Die Beamten kamen wieder. Einmal sagten sie ihr, es stehe nun fest, dass er Drogen transportiert hatte.
Dass mehrere Zeugen von zwei Fahrradfahrer am Tatort berichteten, die im Zusammenhang mit Schussgeräuschen gesehen wurden, erzeugte wenig Aufmerksamkeit bei den ermittelnden Beamten.

Abdurrahim Özüdoğru

wurde 1952 im türkischen Yenişehir geboren und wanderte 1972 nach Deutschland aus.
Neben seiner Beschäftigung als Metallfacharbeiter baute er zusammen mit seiner Frau eine Änderungsschneiderei in der Gyulaer Straße/Ecke Siemensstraße auf.

Am 13. Juni 2001 wurde Abdurrahim Özüdoğru, vermutlich gegen 16.30 Uhr, in seiner Änderungsschneiderei im Alter von 49 Jahren durch zwei Kopfschüsse getötet. Stunden später wurde seine Leiche gefunden. Wieder wurde mit der Pistole vom Typ Česká geschossen.

Die weiteren Ermittlungen blieben ergebnislos. Zwar wurden Geschäft und Wohnung mit Drogenspürhunden durchsucht, jedoch sollten sich die Unterstellungen nach organisierter Kriminalität, Drogen und Steuerhinterziehung als falsch herausstellen.
Erneut richteten sich die Ermittlungen der Kriminalpolizei massiv gegen das Mordopfer und sein Umfeld.
Während Anwohner und Anwohnerinnen den Ermordeten allesamt als sehr freundlichen Nachbarn beschrieben, war es für den Beamten der Spurensicherung, der die Leiche und den Tatort fotografiert hatte, sehr wichtig, mehrfach zu betonen, dass in der Werkstatt und der Wohnung des Ermordeten eine “gewachsene Unordnung” geherrscht habe; in seinem Bildbericht in der Ermittlungsakte finden sich weitere herabwürdigende Aussagen über Menschen türkischer Herkunft.

İsmail Yaşar

wurde 1955 im türkischen Alanyurt geboren und wanderte im Alter von 23 Jahren nach Deutschland aus.

In der Scharrerstraße in der Nürnberger Südstadt betrieb Ismail Yaşar einen Imbiss, wo er am 9.Juni 2005 um 10:15 Uhr von einem Kunden aufgefunden wurde, getötet durch zwei Kopfschüsse sowie drei weiteren Schüsse auf den Oberkörper. Die gefundenen Patronenhülsen gehörten zur Pistole vom Typ Česka. İsmail Yaşar wurde 50 Jahre alt.

Eine Zeugin erkannte auf einer Filmaufnahme, die am Tag des Bombenanschlags auf die Kölner Keupstraße aufgenommen wurde, einen der Männer, die sie kurz vor dem Mord an Ismail Yaşar in der Nähe des Tatortes gesehen hatte. Obwohl die Zeugin sagte, die Männer hätten eine helle Hautfarbe gehabt, legten ihr die Beamten in der Folge wohl ausschließlich Fotos von dunkelhäutig aussehenden Tatverdächtigen vor.
Wie bei vorangegangenen Taten wurden laut Zeugenaussagen zwei Männer mit Fahrräder in der Nähe des Tatortes gesehen, ähnlich wie ein Jahr zuvor in der Keupstraße.
Die Behörden gingen trotz dieser Hinweise jedoch weiterhin von einem Verbrechen im Umfeld der organisierten Kriminalität aus und ermittelten intensiv gegen die Familie des Opfers. Die Ermittler flogen unter anderem in die Türkei und ließen dort von der türkischen Staatsanwaltschaft jedes einzelne Mitglied der kurdischen Familie zur Vernehmung vorladen.
Bekannte und Freunde von Ismail Yaşar wurden in den folgenden Wochen wiederholt verhört, verdächtigt und erniedrigt. Die Polizei suchte den Mörder vor allem in einem Kulturverein in dem Ismail Yaşar als Kassenwart tätig war. Mitglieder wurden mehrmalig verhört. Die Polizei führte Razzien durch, 15-Jährigen wurden Fingerabdrücke abgenommen und Haare für DNA-Proben.

Knapp zwei Monate später prägt ein Reporter der Nürnberger Zeitung den entmenschlichenden Begriff „Dönermorde“.